Selbstzweifel begleiten mich schon ein Leben lang. Sie sind so oft zu Besuch gewesen, dass sie mir vertraut vorkommen, wie jemand, der ganz selbstverständlich zur Wohngemeinschaft dazugehört.
Manchmal frage ich mich: Was wäre, wenn dieser Gast plötzlich verschwände? Würde mir etwas fehlen? Wäre ich mutiger oder vielleicht sogar unvorsichtiger?
Und wie passen Selbstzweifel zu meinem Beruf als Coach und Expertin für Persönlichkeitsentwicklung? Ich unterstütze andere Menschen, mutig an sich zu glauben, sich etwas zuzutrauen und ihr Potenzial zu erkennen und es zu nutzen. Und doch kenne ich auch diese übertriebenen Selbstzweifel, die sich manchmal wie ein Klotz ans Bein hängen und mir den Weg erschweren.
Kennst du das auch? Diese innere Stimme, die dich anzweifelt, infrage stellt und kleinhalten will, obwohl du nach aussen ganz anders wirkst?
Viele sehen Selbstzweifel als ihren grössten Feind an, als ein Hindernis auf dem Weg zu einem erfüllten und zufriedenen Leben. Ich selbst habe schon oft unter ihnen gelitten und versucht, sie loszuwerden. Doch heute weiss ich, dass es sich lohnt, einen differenzierteren Blick auf Selbstzweifel zu werfen. Darum geht es in diesem Artikel. Ich zeige auf, warum Selbstzweifel nicht nur schlimm sind, sondern auch etwas Gutes haben.
Einen persönlichen Einblick, wie ich es geschafft habe, trotz meiner eigenen Zweifel immer weiterzumachen, teile ich in meinem Artikel «Mein Weg zur Bloggerin».
Formen von Selbstzweifeln: Kennst du sie auch?
Sie zeigen sich oft in zwei grundlegenden Fragen, die sie auslösen.
Bin ich wirklich gut genug?
Diese Zweifel müssen objektiv betrachtet gar nicht berechtigt sein. Ich erinnere mich an eine mündliche Abschlussprüfung. Ich war danach nudelfertig und weinte danach. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass ich dafür die Bestnote bekommen würde.
Als Coach für Persönlichkeitsentwicklung sehe ich diese Frage nicht nur bei mir, sondern auch bei vielen meiner Kundinnen.
Ist das, was ich tue, gut genug?
Diese Frage und Zweifel melden sich gerne, wenn ich ein Referat erarbeite oder bevor ich einen Workshop halte.
Meine Kundinnen erzählen mir auch von solchen Zweifeln, wenn sie ein neues Projekt planen und dann doch zurückkrebsen, weil sie sich infrage stellen oder anzweifeln.
Weitere Fragen, die typischerweise auftauchen können:
- Was werden die anderen denken?
- Darf ich das wirklich machen, bin ich dann nicht egoistisch oder überheblich?
Diese Formen zeigen, wie sich Selbstzweifel oft in Fragen ausdrücken, die wir uns stellen. Doch wann und in welchen Momenten melden sie sich überhaupt? Genau dazu komme ich im nächsten Abschnitt.
Wann werden Selbstzweifel ausgelöst?
Selbstzweifel melden sich oft, wenn du etwas Neues beginnst. Wenn du eine neue Idee verfolgst oder ein neues Projekt startest, fehlt dir oft noch die Erfahrung. Das kann Unsicherheit und Selbstzweifel auslösen.
Beispiele:
Viele meiner Klientinnen sind psychosoziale Beraterinnen oder Coachs. Nachdem sie ihre Grundausbildung abgeschlossen haben und mit ihrer Beratungstätigkeit beginnen, fühlen sie sich oft unsicher – so wie ich es damals auch erlebt habe. Anderen Frauen erging es ähnlich, als sie ihren Beruf wechselten. Vorher waren sie kompetent und erfahren, nun plötzlich Anfängerinnen. Sie zweifelten an sich, ob sie für diesen neuen Weg wirklich geeignet sind. So vieles mussten sie erst lernen.
Selbstzweifel werden auch genährt, wenn Unterstützung fehlt oder dein Umfeld dich nicht stärkt.
Beispiele:
Eine Kundin erinnerte sich an eine frühere Arbeitsstelle. Die Arbeit an sich mochte sie sehr, und sie war darin richtig gut. Doch ihre Chefin war kritisch und wenig unterstützend. Mit der Zeit begann sie, an sich zu zweifeln. Ihre Ideenvielfalt und sprudelnde Kreativität wurden wie unter einen Deckel gedrückt. Was ihr früher Freude gemacht hatte, wurde zur Last. Erst an einem neuen Arbeitsplatz, an dem sie sich akzeptiert fühlte und Vertrauen erlebte, fand sie ihre Energie und Freude wieder.
Weitere typische Auslöser für Selbstzweifel sind:
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Kritik – besonders, wenn sie ungerechtfertigt oder unsachlich ist.
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Mangelndes Feedback – wir alle brauchen Rückmeldungen, um uns realistisch einzuschätzen.
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Körperliche Erschöpfung – wenn du zu müde, hungrig oder gestresst bist, bist du anfälliger für Zweifel.
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Übergänge in neue Lebensphasen – etwa Midlife, Pensionierung oder andere Neuanfänge.
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Fehler oder Rückschläge – sie gehören zum Lernen, doch oft erschüttern sie unser Selbstvertrauen.
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Bestimmte Menschen oder Situationen – etwa Personen, die übertriebene Selbstsicherheit zeigen oder Autorität ausstrahlen. Finde heraus, welche Menschen oder Situationen bei dir Zweifel auslösen.
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Herausforderungen ausserhalb der Komfortzone – viele meiner Kundinnen erleben das, wenn sie sich auf die HFP (Höhere Fachprüfung für Beratung) vorbereiten. Sie beschreiben diesen Weg als aufregend und anspruchsvoll – und fragen sich manchmal: Reicht es? Habe ich genügend Kompetenz? Schaffe ich das?
Wenn wir aus unserer Komfortzone heraustreten und etwas Neues lernen, sind wir anfälliger für Selbstzweifel.
Das gehört zur Lern- und Entwicklungszone – dort, wo wir wachsen, aber auch verunsichert sind.
Selbstzweifel tauchen also genau dort auf, wo Wachstum geschieht, sie sind ein Zeichen dafür, dass du dich weiterentwickelst.

Wenn wir aus unserer Komfortzone heraustreten und etwas Neues lernen, sind wir anfälliger für Selbstzweifel.
Wenn du verstehst, wann Selbstzweifel typischerweise hochkommen, kannst du auch besser erkennen, was sie in dir bewirken. Im folgenden Kapitel beleuchte ich fünf typische Folgen, die sich aus Selbstzweifeln ergeben, und wie sie deinen Alltag beeinflussen können.
5 Folgen deiner Selbstzweifel und was sie mit dir machen
Schon oft haben mich diese Zweifel genervt, denn ihre Auswirkungen im Denken und im Verhalten können einschneidend sein. Hier ein paar Beispiele, wie sie sich bei mir und auch vielen meiner Kundinnen zeigen können:
- Prokrastination: Anstatt einen Artikel fertigzustellen und herauszugeben, lasse ich mich ablenken und schreibe lieber etwas anderes. Hauptsache, ich musste mich dem eigentlichen Schritt, meinen Zweifeln, nicht stellen.
- Perfektionismus: Statt es genügen zu lassen, habe ich noch eine Runde gedreht, verbessert, optimiert und «zerdenkt». Ich dachte: Vielleicht sollte ich doch noch zuerst ein Buch lesen oder eine Weiterbildung zu einem Thema machen.
- Vermeiden: Habe ich Anfragen für Aufträge erhalten, habe ich früher oft vermittelt, statt einen Auftrag selbst anzunehmen. Andere können es besser, dachte ich. Meine Selbstzweifel haben mich abgehalten, mutig etwas zu wagen.
- Selbstkritik und Selbstabwertung: Ich konnte mich oft nicht realistisch einschätzen und habe meine Leistung kleingeredet. Unrealistische Überzeugungen haben mich gebremst, wie: Ich kann erst ein guter Life-Coach oder eine gute Referentin sein, wenn ich all diese Zweifel beseitigt habe.
- Traurigkeit und Ärger: Selbstzweifel haben mir schon oft unangenehme Emotionen beschert. Es wurde mir bewusst, dass ich Chancen nicht genutzt habe, weil Selbstzweifel mich blockiert oder zu viel Energie verbraucht haben, ganz abgesehen von den schlaflosen Stunden.
Diese Aufzählung macht deutlich, dass dies ein wichtiges Lebensthema ist und es sich lohnt, einen Blick dahinter zu werfen.
Kann es sein, dass diese Selbstzweifel vielleicht sogar etwas Gutes wollen?
Könnte es sein, dass sie mich früher schützen wollten und heute einfach vergessen haben, dass ich längst stärker bin? Beim Reflektieren bin ich auf fünf spannende Erkenntnisse gestossen:
- Sie bringen mich zum Reflektieren und helfen mir, meine Fähigkeiten und mich realistisch einzuschätzen – vorausgesetzt, sie übertreiben es nicht und führen nicht ins Selbstzerfleischen.
- Selbstzweifel wollen meine Grenzen schützen und verhindern, dass ich mich überfordere. Allerdings schiessen sie dabei oft übers Ziel hinaus. Sie denken, dass sie mir nichts zumuten können, dass es ausserhalb meiner Komfortzone liegt. So halten sie mich klein und verhindern Weiterentwicklung und Wachstum.
- Sie versuchen, mich in Sicherheit zu bringen. Dabei übersehen sie jedoch, dass das Leben nicht komplett kontrollierbar ist. Sie vergessen, dass ich mit einem souveränen Schöpfergott unterwegs bin, der für mich ist und mir immer wieder hilft und mich stärkt.
- Sie möchten mir Schmerz und Beschämung ersparen, die ich früher erlebt habe. Sie bedenken aber nicht, dass ich heute nicht mehr das kleine Kind von damals bin und längst andere Möglichkeiten habe, mit Herausforderungen umzugehen.
- Zweifel möchten mich vor Überheblichkeit und Arroganz schützen. In einer Welt voll von narzisstischem Verhalten und Selbstüberschätzung ist das ein wichtiger Hinweis, weil sie mich einladen, menschlich zu sein und eine gesunde Demut und Bescheidenheit zu leben.
Ich habe gelernt, meine Selbstzweifel besser zu verstehen und hinter ihnen sogar Gutes zu erkennen. Trotzdem kommen mir Selbstzweifel manchmal wie ein Gast vor, der es zwar gut meint, aber leider oft übertreibt.
Konstruktive und destruktive Selbstzweifel – der feine Unterschied
Ich habe für mich gelernt, zwei Formen von Selbstzweifeln zu unterscheiden:
Destruktive Zweifel greifen mich als Person an, weil sie mir einreden wollen:
- Du bist nicht gut genug.
- Du wirst das nie schaffen.
Diese Zweifel machen klein, verunsichern und nehmen mir die Kraft, überhaupt mutig loszugehen.
Konstruktive Zweifel dagegen stellen nicht mich infrage, sondern meine Pläne oder Ideen. Sie fragen zum Beispiel:
- Habe ich alles bedacht?
- Gibt es vielleicht noch einen besseren Weg?
- Was übersehe ich?
Diese Art von Selbstzweifeln hilft mir, achtsam zu handeln und bessere Entscheidungen zu treffen, ohne meinen eigenen Wert infrage zu stellen.
Sie sind wie ein Kompass, der mich auf blinde Flecken hinweist, ohne mich zu entmutigen. Heute versuche ich, meine Selbstzweifel als Werkzeug zu nutzen – nicht, um mich selbst abzuwerten.
Wenn sie auftauchen, kann ich mich fragen:
Helfen mir diese Gedanken, klarer zu sehen und besser zu handeln, oder halten sie mich nur auf?
So finde ich heute den Weg aus dem Selbstzweifel zurück zu mir.
Früher haben mich meine Selbstzweifel oft gesteuert, mich unnötig gebremst oder davon abgehalten, etwas zu tun, was mir wichtig ist. Heute habe ich gelernt, selbst zu steuern und ihnen nicht das Steuer, sondern nur den Beifahrersitz anzubieten. Wenn mich heute Zweifel überfallen, kann ich bewusst innehalten und mir Unterstützung holen. Das hilft mir, meine Gedanken zu ordnen und den Selbstzweifeln die Macht zu nehmen. Dabei helfen mir:
- der Austausch mit anderen und ein Feedback von Personen, denen ich vertrauen kann. Eine erste Ansprechperson ist oft mein Mann, der mich gut kennt und ehrlich zu mir ist.
- dass ich Supervision nutze. Dieser neutrale Aussenblick auf einer Metaebene ist immer wieder Gold wert.
- Journaling und Reflektieren: Indem ich mir bewusst mache, woher die Zweifel kommen, welche Emotionen sie auslösen und welche Bedürfnisse sie melden, sind sie auf dem Tisch und ich kann sie besser bearbeiten. Journaling ist ein kraftvolles Werkzeug, um aus dem Gedankenkarussell auszubrechen. Mehr darüber, wie du diese Methode für dich nutzen kannst, erfährst du hier.
- wenn ich mich an das erinnere, was gelungen ist und erfolgreich war. Ich habe mir angewöhnt, stärkende Feedbacks oder Rückmeldungen von Kundinnen zu sammeln und sie mir in solchen Momenten bewusst zu machen.
- Ein konkretes Tool, das mir dabei hilft, ins Handeln zu kommen und meine Gedanken zu strukturieren, ist die WOOP-Methode. Mehr darüber erfährst du in meinem Beitrag Mein Lieblings-Tool, das dich ins Tun bringt!
- Eine hilfreiche Möglichkeit, Selbstzweifel einzuordnen und deine Arbeit klarer zu sehen, ist gezielte Reflexion. In meinem Artikel, Reflexionsfragen für psychosoziale Beraterinnen, findest du über 115 Fragen, die dir helfen, deine Sitzungen strukturiert zu reflektieren und Selbstzweifel besser einzuordnen.
Was ich durch meine Selbstzweifel gelernt habe
So unangenehm sie auch waren und sind: Ich habe für mich als Life-Coach und Supervisorin Wertvolles durch meine Selbstzweifel gelernt.
- Wertschätzung im Umgang mit anderen: Durch meine eigene Verletzlichkeit bin ich barmherziger geworden. Ich gehe sorgfältiger mit Worten und Einschätzungen um.
- Empathie und Impathie: Meine Fähigkeit, mich in andere Menschen und auch in mich selbst hineinzuversetzen, ist gewachsen.
- Wahrnehmungsfähigkeit: Ich achte bewusster auf das, was zwischen den Zeilen zu lesen ist. Viele Frauen, die nach aussen souverän, erfolgreich und stark wirken und sich trotzdem immer wieder selbst infrage stellen, sind erleichtert, wenn wir ihre Selbstzweifel gemeinsam bearbeiten können.
Mein Fazit: Du musst nicht frei von Selbstzweifeln sein, um mutig zu leben
Selbstzweifel gefallen mir immer noch nicht, aber ich habe gelernt, mit ihnen zu leben, und lasse mich von ihnen immer weniger bremsen. Das wünsche ich auch dir:
Wenn du noch tiefer in das Thema eintauchen möchtest, warum wir uns so oft nicht trauen, den ersten Schritt zu machen, habe ich dazu auch den Artikel, 3 Gründe, warum dir der Mut fehlt, deine Ideen umzusetzen, verfasst.
Lass deine Selbstzweifel mitfahren, aber gib ihnen nicht den Platz am Steuer.
Mutig leben heisst nicht, keine Selbstzweifel zu haben. Mutig leben heisst, trotz Zweifeln loszugehen.
Esther Nogler
Wie gehst du mit deinen Selbstzweifeln um?
Halten sie dich manchmal zurück, obwohl du eigentlich längst bereit wärst, loszulegen? Du musst nicht allein mit deinen Selbstzweifeln kämpfen.
In einem 1:1-Coaching finden wir gemeinsam heraus, was dich stärkt und wie du trotzdem mutig deinen Weg gehst.
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ist Life Coach, psychosoziale Beraterin HFP, Supervisorin und Mutmacherin aus Wettswil am Albis (Schweiz).
Seit über 30 Jahren begleitet sie Frauen und Fachpersonen im Bereich Coaching und psychosozialer Beratung dabei, ihr Leben und ihre Arbeit mutig, klar und echt zu gestalten – sei es in der Persönlichkeitsentwicklung, bei einer Neuorientierung oder in der beruflichen Weiterentwicklung. Sie liebt es, wenn Augen zu leuchten beginnen und Klarheit entsteht. Ihr Ansatz ist kreativ, integrativ und geprägt von Herzlichkeit und Tiefgang.
«Gschtalt dis Läbe! Muetig, ächt und lebändig.»
Mehr über mich erfährst du hier!


Liebe Esther, vielen lieben Dank für diesen wertvollen Blogartikel.
Liebe Cornelia
Sehr gern geschehen und danke für deinen Kommentar. Er freut mich sehr.
Liebe Grüsse
Esther